Leseprobe
Die Legende der Lemminge©
Auf zum Gipfel
15. März
Nie wollte ich ein Tagebuch schreiben. Nie sollte der Welt das bleiben, was mir widerfährt. Die Geschichte meines Lebens sollte allein meine Eigene sein. Fest verankert in meinem Verstand, meiner Seele, meinem Selbst. Einzig ich und die Götter sollten meine Gedanken kennen. Vor allem du, Buddla, Herr der fleißigen Wühler, den mein Vater so zu ehren weiß. Der Maulwurf, der den rechten Pfad fand durch Meditation und Arbeit. Und auch dir Issi, Gemahlin des Roissi, Mutter Sols, der Sonne selbst, die ich so sehr vermisse unter der Erde. Ein Schreiben ist doch bloß ein wertloses Stück Papier, bemalt und beschrieben, das Freud und Leid kaum zu ertragen vermag. Vielleicht zerreiße ich diese Schrift eines Tages. Vielleicht verbrenne ich sie. Doch habe ich mich nun erst einmal entschieden, eben diesen kläglichen Versuch zu wagen. Zu viele Eindrücke wirken auf meinen Geist ein. Schieben sich ins Innere. Sammeln sich. Zuhauf. Es gibt kein Entrinnen. Kein Ventil, das zu öffnen ist. Bevor Sie mich übermannen, gebe ich zumindest den Versuch nicht auf, sie festzuhalten. Es besteht die Möglichkeit, die Dinge besser zu verstehen, wenn ich sie mir selbst zu erklären versuche.
Das Leben unter Tage ist nichts für mich. Das wird es auch nie sein. Wie auch das Leben in der Nacht zum Leben nicht reicht. Ganz gleich wie viele meiner Geschwister die Tage unter dem Schnee genießen. Zu viel passiert in der Welt, als dass man es sich entgehen lassen sollte. Schon eben gar nicht in Dunkelheit und Kälte und dem ewigen Wühlen. Vater verzeihe mir. Der Tag, an dem die ersten Tropfen tauten, bleibt mir unvergessen. Licht brach durch die dicke Decke aus Schnee, traf direkt auf mein Haupt, wärmte mir das Fell. Von dem Tage an wusste ich, den Berg zu besteigen. Bis zum Gipfel werde ich reisen. Der warmen Sonne so nah sein wie nur möglich. Nach Noahrge, Hauptstadt der Lemminge, erbaut hoch auf dem Gipfel, dem Königreich der Lemminge zu ehren. Ich möchte sehen, ob die Stadt wirklich so prächtig ist, wie Großvater sie beschrieb. Ein armer Lemming ist er. Gebrochen, gezeichnet vom Leben selbst. Ich vermisse ihn jetzt schon. Und Mutter? Sie ist zu beschäftigt. Sicher wird sie bald wieder Kinder bekommen. Deshalb musst ich fort. Raus aus dem tristen Licht, fort aus dem matten Dasein und hinein in das Wohl der Berge. Ich möchte sehen, ob das Frühjahr wirklich so schön ist, wie Großvater erzählte. Morgen zieh ich weiter. Heute bin ich genug gelaufen. Die Beine werden schwer. Sie sind das Laufen nicht gewohnt. Dennoch werden sie es lernen. Das müssen sie. Eine kleine Höhle wird für heute Nacht reichen. Wer braucht schon ein warmes Plätzchen, nur um zu ruhen? Nein, so zimperlich will ich nicht sein. So zierlich bin ich nicht. Wohl denn, weite Welt leg dich mit mir zur Ruhe. Heute haben wir sie uns verdient, mit dem ersten Schritt von vielen weiteren, inmitten der wärmenden Sonne. Morgen wird es weitergehen. Dann lacht die Sonne auf ein Neues und alles aus der Nacht, Sorgen wie Träume, scheinen wie vergessen. Die Dunkelheit wie auch die Kälte. Der letzte Schnee taut. Ich spüre es bis in meinen Leib hinein. So will ich auch sein. So soll es sein. Alles aus der Erde hinter mir soll tauen und sich am Frühjahr erfreuen. Mit dem Frühjahr und all den Knospen und Farben, da feiert sich das Leben selbst. Jedes Jahr auf ein Neues. So will ich auch sein. So soll es sein. Ebenso mein Flötenspiel. Treue Flöte meines Großvaters, die ich stets mit mir trage. Gute Nacht auch meinem ich, dem ich schreibe. Ein komisches Gefühl. Irgendwie in seiner Weise befreiend. Ob ich mich daran gewöhne? Und doch bin ich so aufgeregt. Was wird mich erwarten? Ist der Gipfel so hoch, die Sonne dort so prächtig, wie ich es immer erträumt habe? Morgen, morgen werde ich es sehen. Das weiß ich. Drum schlaf ich nun. Gute Nacht. Gute Nacht, ich. Gute Nacht, Buddla. Und gute Nacht, all ihr Wühler jenseits der Sonne.
16. März
Noch immer stockt mir der Atem. Der Schrecken ist in meinem Leib wie gefroren, verankert. Am ehesten bin ich um mein törichtes Selbst erschrocken. Im Schlaf da hörte ich Laute. Ein Wesen. Schwach und leise. Dennoch kräftig genug in seiner Stimme, mir den Schlaf zu rauben. Es drang aus dem Inneren der Höhle zu mir hervor. Kaum wurde es lauter, sah ich zwei junge Füchse. Ihr Fell rot wie Flammen unter der Erde. Sie waren nicht sehr alt, tapsig und unbeholfen. Planlos riefen sie nach ihrer Mutter. Ich machte kehrt und rannte, so schnell wie ich es nur konnte. Wie lange ich zuvor auch gelegen habe, ich könnte nun im Magen eines Fuchses liegen. Welch schauriger Gedanke. Selbst die kleinen Zähnchen der Jungen reichen, um einem Lemming das Licht der Welt zu rauben. Ich mag gar nicht an die Mutter denken. Wäre sie dort gewesen. In dem Moment, in dieser Nacht ... Es wäre um mich geschehen. So unbedacht, leichtsinnig und tauglos ich war ... Der Kampf und Waffen sind nichts für mich. Die Flöte ist mir ein Schwert. Soll es auch bleiben. Doch welcher Fuchs scheut sich vor der Musik? Es kam nicht so weit, dass ich es wagen musste. Zum Glück. Das Leben jenseits des Fußes des Berges scheint verlockend, doch darin liegt die Gefahr. Ohne Umsicht ist es umso gefährlicher. Ich muss umsichtig sein, ehe meine Reise noch vorschnell ein Ende findet. Ich will den Göttern dankbar sein, dass sie in dieser Nacht über mich wachten. Es sollen noch viele Tage vergehen, wohl am ehesten derer ewig, bis ich vor sie trete.
Das Gefühl absoluter Freiheit ist mit nichts zu vergleichen. Ich lag faul in der Mittagssonne, roch einen einzigartigen Geruch. Ein Duft, der die Tiefe der Lunge beflügelt. Es lässt mich alle Furcht vergessen. Für mich beginnt ein neues Leben. Lelene hätte das nicht verstanden. Niemals. Wie kann sie auch? Auch Mutter nicht. Nein, ich sollte nicht an sie denken. Ich möchte sie nicht wiedersehen. Noch nicht. Womöglich eines Tages, wenn ich ihnen sagen kann, wie unrecht sie in allem hatten. Doch nicht jetzt und eine lange Zeit nicht. Andernfalls hätte ich ebenso bei ihnen bleiben können.
Heute Nacht werde ich umsichtiger sein. Ich habe ein Zelt aus Zweigen und Schnee gebaut. Es tropft an einigen Stellen, weil der Schnee nicht länger zu ruhen gewillt ist. Dennoch wird es reichen. Zumindest wird es halten, für eine Nacht. Für diese Nacht. Nicht mehr lange, dann bin ich auf dem Gipfel, ruhe in einem Bettchen gemacht aus Sonnenstrahlen selbst. So weich und geruhsam, dass jede Nacht den Körper bewahrt wie eine Kinderwiege. Ach, bald ist es so weit. Ich bin so aufgewühlt. Ich spiele noch ein wenig auf meiner Flöte, durchbreche die Stille der Nacht, dann werde ich ihr folgen. Gute Nacht.
17. März
Die tropfende Bleibe brachte keinen erholsamen Schlaf. Ich wurde nass und bald schon wurde es kalt. Natürlich hätte ich unter die Erde kriechen...