Leseprobe
Die Reisen des Phil - Außergewöhnliche Begegnungen©
„Möge das Licht deinen Schritten folgen.“
Ein donnernder Blitz schreckte ihn aus dem Schlaf, dann warf ihn die See aus seiner Matte. Ein rollendes Fass schlug ihm in die Seite. Mühselig baute er sich auf, versuchte das schwere Gefäß von seinem schmächtigen Leib zu schieben. Der beißende Geruch von Rum drang in seine Nase. Er verfluchte seinen kraftlosen Körper. Er war mickrig und schlaff. Was nutzten ihm, all die Bücher und der eiserne Wille ihren Worten zu folgen, wenn er nicht einmal imstande war ein Weinfass zu rollen.
Das Schiff kippte, das Fass rollte zurück und er befreite sich. Augenblicklich rannte er unter die Stufen und versteckte sich.
Über ihm peitschte das Meer. Der Wind pfiff durch die Segel. Er hörte den Hagel trommeln, den Himmel erzürnen. Die Mannschaft schrie.
Die Tür sprengte auf, mit ihr stürzte ein tropfender Matrose die Stufen herab. „Wo steckst du, Pfaffe?“, brüllte er, ehe er ihn erblickte. „Der Himmel bricht zusammen und du sitzt hier unten und drehst Däumchen?“
Er kroch halb geduckt aus seinem Versteck. „Ich bin kein Heiliger“, entschuldigte er sich. „Ich kann auch keine Wunder vollbringen…“
Er trat dicht an ihn heran. „Pah! Du versteckst dich wie eine Ratte und behauptest dennoch, auserkoren zu sein? Das Meer und seine Götter sind wütend, weil sie deiner Lügen leid sind!“ Der Matrose sprang zurück an Deck. Ehe er die Tür schloss, rief er:„Wenn du nichts weiter kannst als reden, dann bete um das Wohl unserer Seelen!“
Der Auserkorene? Glaubten sie ihm nicht? Er konnte es selbst nicht recht glauben. Warum ausgerechnet er und warum jetzt? Er wollte doch nur ihre Worte befolgen, mehr nicht. Dennoch fragte er sich, warum ausgerechnet er?
Es waren gute, tapfere Männer, die dort oben ihr Leben riskierten, die ihn voller Stolz und Zuversicht mitgenommen hatten. Sie senkten sogar den Preis, weil sie glaubten mit einem Gesandten an Bord, ständen ihnen die Götter bei. Doch sie hatten sich geirrt. Das Land, welches sie zu erreichen suchten, wurde von einem Fluch heimgesucht. Schenkte er Weyas Worten Glaube, wüteten Geister, Untote und die fürchterlichsten Bestien in ganz Tagalan. In eben dieses von Dunkelheit verzehrte Land, war es seine Aufgabe, das Licht zurückbringen. Das waren die Worte Weyas. Es war zu erwarten, dass die dunklen Mächte es nicht achtlos hinnahmen, doch waren es nicht die Seemänner die ihren Zorn verdienten.
„Weya steh uns bei“, flehte er.
Schwankend begab er sich ans Deck. Das Meer schlug ihm ins Gesicht. Es schmeckte salzig. Er rieb sich die brennende Lake aus den Augen, sah, wie eine der Wellen einen der Männer über Bord riss.
„Steh nicht rum und glotze, Junge!“, schrie ihn jemand an. „Schnapp dir ein Seil und hilf, die Segel einzuholen!“
Der Matrose neben ihm griff nach einem der Taue, der Wind drehte und zog ihn ruckartig aufwärts. Hoch oben verlor er den Halt, klatschte wenige Augenblicke später kopfüber in die tosende See.
Er wusste, er hätte das Seil aufheben sollen, nicht der Junge. Wieder schlug ihm die Lake ins Gesicht. Seine Augen brannten wie Feuer.
Donnernd krachte einer der Blitze ins Holz, setzte den Mast in Brand. Teile des Schiffes stürzten ins Wasser.
Dann fasste er einen Entschluss.
Er schwankte ans andere Ende des Schiffes, reckte beide Arme gen Himmel. „Dämonen der Meere“, schrie er mit aller Kraft der tosenden See entgegen. „Ausgeburten der Tiefe, Schrecken des Meeres! Ich bin es, den ihr wollt! Nehmt mich und verschont diese Männer!“
Wieder schlug ihm die Lake ins Gesicht.
Er setzte für den Sprung an. „Möge Weya meiner Seele gnädig sein!“
Gierig verschlangen ihn die Wellen, drückten Phil hinab in die Tiefe. Es war Dunkel und es herrschte Finsternis. Schatten mit rotglühenden Augen zerrten an ihm. Ihr Griff war fest und eisern. Die Luft wich aus seinen Lungen.
Dann verlor er das Bewusstsein. Die Dunkelheit löste sich in helles Licht auf.
Kerzenlicht blendete seine geschwächten Augen. Seine Lunge brannte wie Feuer, bei dem Versuch Luft zu holen.
Er hustete.
„Ah, du bist wach“, vernahm er eine gedämpfte Stimme. Sie entsprang einer Krähe, die neben seinem Bett stand. Dann rieb er sich die Augen und sah erneut hin.
Es war ein in Schwarz gehüllter Mann mit spitzem Hut, der eine Pestmaske zu tragen schien.
„Wo bin ich?“, fragte er. Sein Hals kratzte beim Versuch zu sprechen.
„In Sicherheit. Zumindest fürs Erste…“, entgegnete der Mann.
„Wo ist der Kapitän? Haben wir den Sturm überstanden?“
„Es gibt hier keinen Sturm. Nur den Tod. Für jeden von uns.“
„Sind sie…?“ Er war gefangen, zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Der Mann mit der Krähenmaske musste der Tod selbst sein oder einer seiner Diener, der gekommen war, um ihn zu holen.
Doch der Mann streifte ihm beruhigend über den Kopf. „Ich weiß nicht, wovon du redest, aber du solltest dich ausruhen.“
„Haben wir Tagalan erreicht?“
„Tagalan?“ Der Mann lachte. „Tagalan ist groß. Du musst eine sehr lange Reise hinter dir haben, wenn du so etwas fragst.“ Er hörte seine Lunge ab, ehe er weitersprach. „Du bist in Zweikiel, eine Hafenstadt im Westen von Tagalan.“
„Dann haben wir es geschafft.“
„Ich weiß nicht, wen du mit wir meinst“, sagte der Mann. „Außer dir ist niemand in der Stadt eingetroffen. Du hattest Glück, dass dich die Fischer gefunden haben. Sehr viel Glück. Doch um hier zu überleben, benötigst du noch viel mehr davon.“ Er tippte sich an die Nase. „Keine Sorge, ich bin nicht krank. Jedenfalls noch nicht. Es ist reine Vorsichtsmaßnahme. Wem nutzt ein Arzt, der sich mit der schwarzen Seuche infiziert hat, nicht wahr?“
Er holte einen Teller Suppe vom Schrank. „Es sind schwere Zeiten. Wer nicht erkrankt, wird verrückt oder von Bestien zerrissen. Das Elend ist groß und ich nur ein einfacher Mann.“
Er reichte ihm den Löffel. „Ich will ehrlich zu dir sein… Hätte ich nicht gesehen, wie wohlhabend du bist, hätte ich dich nicht aufgenommen. Wer interessiert sich für einen sterbenden Mann aus dem Meer, wenn man alltäglich nichts anderes als den Tod sieht?“
„Darum bin ich nach Tagalan gekommen. Weya sandte mich, den Leuten neue Hoffnung zu schenken.“
Der Mann lachte. „Pah! Du hast dir den Kopf gestoßen, mehr nicht. Und nun iss.“
Er verabschiedete sich, blieb dann stehen und drehte sich um. „Wie ist dein Name?“
„Phil. Nenn mich einfach Phil.“
„Also gut, Phil. Ich hoffe, du magst Ingwer. Er wird helfen, deinen Magen zu beruhigen. Ich muss nach den anderen sehen.“
Qualvolle Schreie rissen ihn aus dem Schlaf. Er sah sich um. Er war allein in der Kammer.
Wieder schrie jemand. Es schien vom Zimmer nebenan zu kommen.
Phil stand auf, nahm seine Kleider vom Stuhl und zog sie an. Zufrieden stellte er fest, dass nichts fehlte. Es brachte Unglück, einen Pfaffen auszurauben. Andernfalls war er sich sicher, hätten sie alles genommen. Sein Gebetsbuch, den Mörser, die Verbände und vor allem das Gold.
Er folgte den Schreien über dem Flur bis ins Nachbarzimmer. Anfangs ließen ihn seine Beine im Stich, doch sie gewöhnten sich rasch an sein geringes Gewicht.
Die Tür stand offen, er lugte vorsichtig hinein.
Auf dem Bett wandte sich eine Frau hin und her. Man hatte sie gefesselt, vermutlich damit sie nicht hinausfiel.
Sie schrie. Ungewöhnlich tief für eine Frau wie sie.
Mit aller Kraft versuchte sie, ihre Fesseln zu sprengen.
Als er näher an sie herantrat, riss sie die Augen auf. Sie glühten rot, spürten seine Anwesenheit, drohten ihn zu durchbohren. Eine merkwürdige Aura umgab sie. Schatten flimmerten um sie herum.
Dieser Blick, es war keine Seuche, die die Frau heimsuchte. Es war ein Dämon, der sich in ihr eingenistet hatte.
Seine Brüder im Tempel hatten ihm Geschichten über Dämonen erzählt, die sich in den Verstand der Menschen niederließen. Sie veränderten sie, machten sie krank, gebrechlich, erdrückten sie oder forderten von ihnen Dinge, die sie niemals tun würden.
Er musste das Band von ihr lösen.
Seine Hand streifte über ihre Stirn, sie glühte.
„Was hast du hier drin zu suchen?“, ertönte eine Stimme hinter ihm. Wie aus dem Nichts stand der Arzt in der Tür und ließ eine Schüssel mit Suppe fallen. „Raus mit dir!“
„Du verstehst nicht, ich kann ihr helfen.“
„Niemand kann das.“
„Sie ist besessen. Sie benötigt göttlichen Beistand.“
„Pah! Wusste ich es doch... Ich habe die Schnauze voll von euch Pfaffen. Zum letzten Mal: Raus hier!“
„Vertrau mir, ich benötige nur ein wenig Weihwasser.“
„Glaubst du allen Ernstes, ich hätte das nicht bereits versucht? Mein halbes Vermögen habe ich an euch Pfaffen ausgegeben. Sie wäre alles wert. Doch nichts hat geholfen, es hat nur die Reichen noch reicher gemacht.“
„Ich will kein Geld. Ich will ihr nur helfen“, entgegnete Phil. „Lass es mich in Weyas Namen versuchen.“
„Pah! Mir gleich wie eure Kreationen heißen. Nur die Lebenden können den Lebenden helfen.“
„Dann lass es mich als ein solcher versuchen…“
Der Arzt sah ihm tief in die Augen, es gab nichts Falsches darin, keinen Vorwand, keine Gier. „Tu, was du nicht lassen kannst, aber dann verschwinde.“
Er nahm eine kleine Phiole mit Wasser aus seinem Beutel. Es zischte, als es auf ihre Stirn tropfte. Sie schrie, krümmte sich vor Schmerzen.
„Das reicht! Weg von ihr!“
Es wirkte nicht. Das Glühen blieb in den Augen. Irgendetwas machte er falsch. „Weya, ich bitte dich“, flehte er. „Steh ihr bei!“
„Ich habe dir gesagt, niemand kann ihr helfen.“
Er dachte kurz nach, ehe er sprach: „Lass es mich mit einem stillen Gebet versuchen…“
„Du hast schon genug getan! Du gehst jetzt!“
Stumm bewegten sich seine Lippen. Seine lautlose Stimme übertönte ihre Schreie, brachte sie zum Schweigen. Der Arzt zerrte ihn von seiner Frau weg. Die Kerzen im Zimmer erloschen. „Was geht hier vor?“
Inmitten der Dunkelheit sprach er weiter. Er spürte, dass sie ihm Beistand. Er wusste, er würde es schaffen.
Die Kerzen entzündeten sich wieder. Und sie konnten sie ansehen.
Und sie sahen sie an.
Sie sahen den leblosen Körper und, dass ihr Geist sie verlassen hatte.
Dem Offensichtlichen trotzend hörte er die Lunge seiner Frau ab, ließ dann den Kopf auf sie sinken. „Du solltest gehen“, sagte er nach einer Weile.